David Vann: Goat Mountain

Mit seinem neuen Roman GOAT MOUNTAIN will David Vann die „letzten Reste“ seines autobiografischen Materials „wegbrennen“.
Spannung zwischen den Generationen, Isolation und Ausbruch des Individuums, unterschwellige und offene Gewalt, unterwegs in der Wildnis, dabei dem Existentiellen ausgeliefert – all das findet sich in seinen Geschichten. Dabei werden sie stets vom Zenit einer Krise getragen. Deren Beschreibung ergeht sich in Details, die dunkel und halluzinatorisch wirken. Der Rahmen – wie gewohnt bei Vann, der 1966 auf Adak Island/Alaska geboren wurde – die Wildnis, die Abgeschiedenheit. So als wäre es nur fern der Siedlungen möglich, dass der Mensch mit sich selbst kollidieren kann.

Weder geplant noch unabsichtlich wird ein Mensch in GOAT MOUNTAIN getötet, obwohl es lediglich Hirsche treffen sollte. Ein Namensloser – ein Sohn – tötet im Herbst 1978 in Nordkalifornien einen Wilderer. Der Elfjährige befindet sich im Kreise seiner Nächsten auf einem traditionellen Jagdausflug im Revier der Familie. Aber einen Menschen erschießen – das gehört sich nicht! Oder?
Gibt es zwischen der Tötung eines Menschen und eines Hirsches einen Unterschied? Wenn ja, wer hat diesen festgelegt? Und warum? Wie ist mit menschlichen, wie mit tierischen Leichen umzugehen? Warum gibt es dabei Unterschiede?
Das Zerwürfnis darüber lässt die Männer in der Wildnis an ihr archaisches Limit stoßen. Tief sind die Gräben zwischen ihnen. Einst wurden diese auf dem verlogenen Boden der Moral und somit der Schuld ausgetreten. Nun werden sie verabscheut, da auch die eigenen Abdrücke erkennbar sind.

Ebenfalls tief beschreibt Vann Momente dieses Jagdausflugs, immer aus der Sicht des einst tötenden Jungen: Erinnerungen – wahr und verdreht wie ihre Gestalt nur sein kann. Seine Leser_innen zwingt er somit über viele Seiten hinweg, einzelne Augenblicke in verwirrenden Details zu ertragen. Ob der Namenlose sie selbst ertragen kann, steht stumm zwischen den Zeilen.

Vann, der sich nicht nur den Suizid seines Vaters von der Seele schreiben muss, geht mit GOAT MOUNTAIN abermals auf eine Reise durch die unerschlossene, dennoch vertraute Wildnis – auch von Menschen. Diese kommen den Lesenden nie nah, obwohl sie gemeinsam durch eine Hölle gehen.
Suhrkamp | Berlin 2014 | 270 S. | 22,95 Euro

 

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I have no words

Seinen Weg nimmt er schuhfrei. Von Sydney nach Israel über Italien nach Griechenland.

Irgendwo in Rom gibt er mir einen kleinen Zettel.
Verwundert lese ich auf diesem, was ich in den vergangenen Minuten tat – aus dem Blickwinkel eines Fremden ohne Schuhe.

Ausblenden.

Den Weg zur Metro begleitet ein Saxophonspieler. Schlendern mit „Take Five“ im Ohr.

Er ist 28. Ich bin 17. Er ist blond. Ich nicht. Er trägt keine Schuhe. Ich schon.

Wochen später erhalte ich eine Karte aus Griechenland. Sie ziert ein altes Fischerpaar im Kahn.
Wenige Worte auf der Rückseite:
I have no words.

Wilder Schopf

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Auf einer Wiese steht ein prächtig gewachsener Baum. Kein Bestimmungsschlüssel greift.
An einem seiner starken Äste – jener, der die Nähe des Bodens weder sucht noch scheut – hängt eine Schaukel.
Nicht der leichte Wind, der über die Frühlingswiese und durch die jungen Blätter des alten Baumes weht, bewegt sie. Es ist ein Kind, das den Zweck der Schaukel durch seine sachte Bewegung hervorbringt.

Vor und zurück. Vor und zurück. Unangestrengt.

Der Rücken des Kindes verrät nicht, ob sich dieses in einem ihn pendeln lassenden Tagtraum befindet. Der Hinterkopf, mit dem lockig dunklen Haar, verleiht der vom Kind ausgehenden abgerückten Ruhe eine eben diese wenig störende Wildheit.

In sich versunken, abgespalten von dieser Welt. – Das erzählt der unberührte Rücken durch die pendelnde Bewegung, traurig und schön.

In der Annäherung spüren bloße Füße das nackte Gras. Augen verbinden den nahenden Flug der Pusteblumenschirmchen mit der Wildheit des dunklen Schopfes.

Traurig und schön, abgespalten von dieser Welt, in einer Monade schaukelnd.

Rituale: Zigarettenrauch riechen

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Kurz vor den Weihnachtstagen steht eine nach Zigarettenrauch riechende Frau vor der Haustür. Ihr freundliches Gesicht lugt zwischen dicker Mütze und Schal hervor. Sie hält ein Gerät in der Hand, das sie mit Stromverbrauchsdaten füttern will.
Auf dem Weg in den Keller reden wir darüber, dass uns wenig nach auferlegten Ritualen der Sinn steht. Wir sind uns sofort einig: Weihnachtsputzerei ist nicht unser Ding.
Weihnachten, so erzählte sie mir letztes Jahr, verbringt sie am liebsten mit Büchern im Bett, das sie dann nur für Katze, Essen und dergleichen verlässt.
Ich vermute, sie versteht, dass ich gerade noch Rage Against The Machine nicht der weihnachtlichen Opposition wegen hörte.
Frei vom Bedürfnis nach Ritualen bin aber auch nicht. Kurz vor Weihnachten zum Beispiel plausche ich mit einer nach Zigarettenrauch riechenden Frau, die nicht unerwartet vor der Haustür steht.

Tropf mir aus dem Ohr!

Tropf mir aus dem Ohr!
Ich fange dich auf und schaukle dich zu den Wellen weit aufs Meer hinaus.

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Der Tinnitus ist keine Krankheit, er ist ein Symptom. Und was zeigt dieses an? Überforderung. Welche konkret, das müssen die Betroffenen selbst herausfinden.

Ich beschloss, die gestörte Hörfunktion so weit wie möglich zu ignorieren, womit ich das Rad nicht neu erfand, sondern einem Therapieansatz auf eigener Faust folge.
In der Stille, in der Ruhe, die nun laut sind, fällt das Ignorieren – wie zynisch – weitaus schwerer, als in unseren lauten Alltagen, wo permanent etwas rauscht, summt, brummt und/oder erzählt wird.

Dieses, so meine Erfahrung, wandelbare subjektive Ohrgeräusch, das auch weiter hörbar wäre, wenn der Hörnerv durchtrennt wird und keine Schallsignale mehr vom Ohr zum Gehirn weitergeleitet werden können, ist nur für die betroffene Person hörbar. Daher ist der Tinnitus für mich ein Symptom, das sich im weiteren Sinne nach innen richtet.
„Ich habe einen Tinnitus“, ging mir nur in den ersten Tagen dieser Karriere vor Unfassbarkeit häufiger über die Lippen. Mittlerweile fällt mir das schwerer. Dahinter steckt auch der Spagat, sich einerseits nicht in die lästigen Ohrgeräusche hineinzusteigern und andererseits sich dennoch mit ihnen respektive ihrer Ursache auseinandersetzen zu müssen.

Das Bett in der Provinz

Einst folgte die Nomadin einem Band der Leidenschaft. Ganz auf die für sie natürliche Bewegung konzentriert, verfiel sie nicht dem Gedanken, wo oder ob das Band je enden würde. So fand sie dann belanglos des Bandes Bett in der Provinz. Müde legte sie sich nieder. Obendrein konnte sie frisch bezogenen Betten einfach nicht widerstehen.
In ihren Träumen vergaß sie die Heimstatt des Bandes. Allein der Weg zu ihm füllte ihren Blick. Wenn sie ab und an erwachte, erkannte sie, dass in den Dörfern die Lichter der ihr vertrauten Städte nie glitzerten.

Die Nomadin fühlte, wie ihr Atem den ihr vertrauten Rhythmus des Lebens verlor. Er engte. Sie sah sich um und blickte auf die unzähligen Waldhügel in der Provinz. Kein weites Land, die einstigen Vulkane kesselten ihr Durchatmen ein, glaubte sie.
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Glauben erfährt Bekehrung in der Öffnung der Perspektiven.
Die Zeit strich, wenn auch langsamer durch die Provinz. Anstatt weiterzuziehen wunderte sich die Nomadin, dass ihr die Sesshaftigkeit wie Honig unter den Fußsohlen klebte. So vergingen Monate, Jahre, die sie damit verbrachte, darüber zu sinnen, ob sie die Süße des Honigs genießen oder dessen Klebrigkeit wegputzen solle.

Während diesem scheinbar nie enden wollenden Hin- und Herdenkens zog sie, ihre Natur nie ganz unterdrückend, über die Hügel und durch die Wälder. Der Wald flüsterte ihr Ruhe und Einsamkeit zu, die sie einst in überfüllten Bussen und Bahnen fand, die ihre Städte miteinander verbanden.
Voll der Dankbarkeit – und trotz des kurzen Atems – erkannte sie irgendwann, dass der klebrig süße Honig sie lehrte, nie wieder nur über Asphalt ziehen zu wollen.